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Visionen für die elektronische Zukunft

Rund 800 Software-Experten diskutierten während der Net.ObjectDays über neue Entwicklungstrends. Gesucht wurde die Super-Anwendung, die den Erfolg von SMS oder E-Mail wiederholen soll.


"Als Super-Applikationen werden all jene technischen Entwicklungen eingestuft, die binnen kurzer Zeit massenhaft angewendet werden", erklärt Carsten Brinkschulte, Vorstandschef der weblicon technologies AG, Berlin auf der vom Thüringischen Wirtschaftsministerium initiierten Tagung in Erfurt. Dabei gehe es selten um völlig neue Inhalte, sondern vielmehr um die Übertragung bekannter Nutzungsformen auf neue Technologien. In den letzten Jahren haben sich so beispielsweise E-Mail und SMS zu solchen Super-Anwendungen entwickelt. E-Mail ist heute bei etwa zwei Drittel aller Computerbesitzer alltäglicher Gebrauch, die Zahl der Mailboxen weltweit wird bereits auf 890 Millionen beschätzt.

"Wenn man die Mechanismen analysiert, durch die technische Lösungen zu einem solch durchschlagenden Erfolg wurden, kann man künftig gezielter nach neuen Super-Applikationen suchen", meint Brinkschulte. Aus seiner Sicht werden das vor allem Lösungen aus dem Bereich der elektronischen Kommunikation sein, etwa der Versand von Fotos über Handys oder aber der "local based chat" per Handy. "Das wäre heute schon technisch umsetzbar, es hat nur noch keiner auf den Markt gebracht".

Intershop-Vorstand Heiner Schaumann referierte über neue Ideen der interaktiven Kommunikation zwischen Rechnern, die künftig auch eigenständig Geschäftstransaktionen durchführen können. Ganz sicher werde es einer Tages auch die universelle globale Währung für das Bezahlen im Cyber Space geben, die sicherer als ein heutiger Banksafe sein werde. Ebenfalls gut vorstellbar sei ein Computer, der biometrisch seinen Benutzer identifiziert un individuell mit ihm kommuniziert.

Probleme könnten jedoch die derzeitige Stimmung an den Börsen bereiten. Auf dem Kapitalforum der Deutschen Börse in Leipzig hatte wenige Tage zuvor der Börsenvorstand erklärt, obwohl ausreichend Venture Capital am Markt verfügbar sei, machen die Kapitalgeber derzeit einen weiten Bogen um alle "DotComs", ganz gleich, von welcher Qualität Produkte und Unternehmen seien. Geld gebe es zur Zeit nur für Biotech, Medtech, erneuerbare Energien, Nano- oder Lasertechnik - und selbst dann nur, wenn die Firmen bereits die allererste Startphase aus eigener Kraft hinter sich gebracht haben. Doch der Trend ändert sich, so Nicole Meissner vom Berliner VC-Investor Peppermint: "In den USA gibt es bereits Anzeichen, dass selbst die Internetfirmen nach dem reinigenden Shutdown der letzen Zeit wieder Boden finden".

Eine wichtige Rolle für die Software-Branche spiele die Ethik. "Es wird immer deutlicher, dass der IT-Bereich eine gigantische Macht ist, die bei einem Missbrauch durchaus weit in die persönliche Sphäre eindringen oder auch politische Wirkungen auslösen kann", meint Brinkschulte. "Für die Software-Sparte wird ein Verhaltenscodex allmählich dringlich, der auch durch die Wirtschaft und Politik unterfüttert werden muss."

Manfred Schulze


21. September 2001
VDI Nachrichten
Nummer 38/2001